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Klasse 12 Denken und Handeln: Philosophische Reflexion der Moderne
Dieser Kurs vertieft zentrale Fragestellungen der Ethik, Erkenntnistheorie und Anthropologie. Die Lernenden setzen sich kritisch mit klassischen und zeitgenoessischen Positionen auseinander, um eigene begründete Urteile zu existentiellen und gesellschaftlichen Problemen zu entwickeln.

01Der Mensch und sein Wesen: Philosophische Anthropologie
Untersuchung des Selbstverständnisses des Menschen zwischen Naturwesen und Kulturwesen. Fokus auf die Frage nach der Freiheit und der Einzigartigkeit menschlicher Existenz.
Die Schülerinnen und Schüler definieren den Gegenstandsbereich der philosophischen Anthropologie und identifizieren zentrale Fragestellungen zur menschlichen Natur.
Diskussion über das Verhältnis von physischen Zuständen und mentalen Prozessen unter Einbeziehung klassischer dualistischer Positionen (z.B. Descartes).
Untersuchung monistischer Theorien (z.B. Materialismus, Idealismus) und deren Erklärungsansätze für das Verhältnis von Körper und Geist.
Auseinandersetzung mit aktuellen neurobiologischen Erkenntnissen und deren Implikationen für das Verständnis des menschlichen Bewusstseins und des Leib-Seele-Problems.
Analyse der Willensfreiheit im Spannungsfeld zwischen biologischem Determinismus (Genetik, Neurowissenschaft) und existentieller Freiheit.
Betrachtung der existenzialistischen Position zur Freiheit (z.B. Sartre) und der damit verbundenen Verantwortung.
Betrachtung des Menschen als Mängelwesen und die Rolle der Kultur als Kompensation nach Arnold Gehlen.
Untersuchung der exzentrischen Positionalität des Menschen nach Helmuth Plessner und seiner Stellung in der Natur.
Reflexion über die Konstruktion von Identität im Spannungsfeld von individueller Autonomie und gesellschaftlicher Prägung.
Vergleich menschlicher und tierischer Existenzformen unter philosophischen Gesichtspunkten (Sprache, Vernunft, Moral).
Reflexion über die Auswirkungen der Digitalisierung und künstlicher Intelligenz auf das menschliche Selbstverständnis und die menschliche Existenz.
Untersuchung der Rolle von Kultur, Sprache und Symbolen bei der Formung des menschlichen Wesens und der Abgrenzung zur Natur.
Reflexion über die fundamentale soziale Natur des Menschen und die Bedeutung von Gemeinschaft und Interaktion für die Persönlichkeitsentwicklung.

02Begründungen der Moral: Normative Ethik
Vertiefung ethischer Begründungsmodelle von der Pflichtethik bis zum Utilitarismus und deren Anwendung auf moderne Dilemmata.
Die Schülerinnen und Schüler definieren grundlegende Begriffe der Ethik und Moral und unterscheiden normative, deskriptive und Metaethik.
Untersuchung der Deontologie und der Autonomie des Willens als Grundlage moralischen Handelns nach Immanuel Kant.
Anwendung des Kategorischen Imperativs auf konkrete moralische Dilemmata und Diskussion seiner Grenzen.
Analyse des Nützlichkeitsprinzips (größtmögliches Glück für die größtmögliche Zahl) und seiner Vertreter (Bentham, Mill).
Anwendung utilitaristischer Prinzipien auf Dilemmata und kritische Auseinandersetzung mit der Quantifizierung von Glück und Gerechtigkeit.
Die Suche nach dem glücklichen Leben (Eudaimonia) durch die Ausbildung eines tugendhaften Charakters nach Aristoteles.
Diskussion der Relevanz der Tugendethik in der Gegenwart und ihrer Grenzen.
Einführung in die Diskursethik als Verfahren zur Begründung moralischer Normen durch herrschaftsfreien Diskurs.
Untersuchung der Mitleidsethik als Grundlage moralischen Handelns und ihre Abgrenzung zu anderen ethischen Theorien.
Analyse komplexer ethischer Dilemmata und Entwicklung begründeter Urteile unter Anwendung verschiedener ethischer Theorien.
Diskussion der Frage, ob moralische Werte universell gültig sind oder von Kultur und Individuum abhängen.
Untersuchung der Bedeutung von Gefühlen wie Empathie, Schuld und Scham für moralisches Handeln und Urteilen.

03Was können wir wissen? Erkenntnistheorie
Auseinandersetzung mit den Quellen, Grenzen und der Sicherheit menschlicher Erkenntnis.
Die Schülerinnen und Schüler definieren den Gegenstandsbereich der Erkenntnistheorie und identifizieren zentrale Fragen nach Wissen, Wahrheit und Rechtfertigung.
Untersuchung des Rationalismus als erkenntnistheoretische Position, die die Vernunft als primäre Quelle des Wissens betrachtet, mit Fokus auf René Descartes.
Gegenüberstellung des Empirismus, der die Sinneserfahrung als Fundament des Wissens betont, mit Fokus auf Locke, Berkeley und Hume.
Einführung in Immanuel Kants Kritizismus als Versuch, Rationalismus und Empirismus zu überwinden und die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis zu klären.
Die Theorie, dass Wissen nicht entdeckt, sondern vom Gehirn konstruiert wird, und ihre Implikationen für die Objektivität der Realität.
Untersuchung der Zweifel an der Möglichkeit gesicherten Wissens von den antiken Skeptikern bis zu modernen Positionen.
Einführung in verschiedene Theorien der Wahrheit (Korrespondenz, Kohärenz, Konsens, Pragmatismus) und ihre Anwendung.
Auseinandersetzung mit Karl Poppers Falsifikationismus und Thomas Kuhns Paradigmenwechsel als Modelle wissenschaftlichen Fortschritts.
Untersuchung der Verknüpfung von Wissen und Macht nach Michel Foucault und die Konstruktion von Diskursen.
Reflexion über die prinzipiellen Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit und die Frage nach dem Unerkennbaren.
Auseinandersetzung mit dem Gettier-Problem und seinen Auswirkungen auf die klassische Definition von Wissen als gerechtfertigter wahrer Überzeugung.
Untersuchung der Sinneswahrnehmung als Quelle der Erkenntnis und ihrer philosophischen Probleme (z.B. Halluzinationen, Illusionen).

04Recht und Gerechtigkeit: Staatsphilosophie
Analyse der Legitimation staatlicher Ordnung und verschiedener Konzepte von Gerechtigkeit.
Die Schülerinnen und Schüler definieren den Gegenstandsbereich der Staatsphilosophie und identifizieren zentrale Fragen nach Legitimation, Ordnung und Gerechtigkeit.
Analyse von Thomas Hobbes' Theorie des Naturzustands als 'Krieg aller gegen alle' und der Notwendigkeit eines absoluten Staates.
Vergleich von John Lockes liberaler Staatsphilosophie mit Hobbes, insbesondere hinsichtlich der Naturrechte und der Begrenzung staatlicher Macht.
Untersuchung von Jean-Jacques Rousseaus Konzept des Naturzustands, des Gesellschaftsvertrags und des Gemeinwillens.
Das Gedankenexperiment des Schleiers des Nichtwissens als Basis für eine faire Gesellschaft und die Prinzipien der Gerechtigkeit.
Auseinandersetzung mit Kritik an Rawls' Theorie (z.B. Nozick) und Einführung in alternative Gerechtigkeitskonzepte (z.B. Leistungsgerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit).
Diskussion über die universelle Gültigkeit von Menschenrechten gegenüber kulturellem Relativismus und ihre philosophische Begründung.
Untersuchung verschiedener Demokratietheorien (z.B. deliberative, repräsentative) und ihrer philosophischen Begründungen.
Auseinandersetzung mit idealen Staatsentwürfen (Utopien) und deren kritischer Spiegelung in dystopischen Visionen.
Reflexion über die Herausforderungen der Globalisierung für die Staatsphilosophie und das Konzept eines Weltbürgertums.
Untersuchung verschiedener Straftheorien (Vergeltung, Prävention, Resozialisierung) und ihrer ethischen Rechtfertigung.
Reflexion über die Bedeutung der Zivilgesellschaft und bürgerschaftlicher Partizipation für eine lebendige Demokratie.

05Angewandte Ethik: Technik und Umwelt
Ethische Herausforderungen durch technologischen Fortschritt und ökologische Krisen.
Die Schülerinnen und Schüler definieren den Gegenstandsbereich der Angewandten Ethik und identifizieren aktuelle ethische Problemfelder.
Der ökologische Imperativ angesichts der Bedrohung der menschlichen Existenz und die Pflicht gegenüber zukünftigen Generationen.
Vergleich verschiedener Ansätze der Umweltethik, die den Wert der Natur unterschiedlich begründen.
Moralische Fragen am Anfang des Lebens, wie Abtreibung, Präimplantationsdiagnostik und Stammzellenforschung.
Ethische Herausforderungen am Lebensende, wie Sterbehilfe, Patientenverfügung und Organspende.
Moralische Fragen zu Eingriffen in das menschliche Erbgut und die Optimierung des Menschen (Human Enhancement).
Herausforderungen durch Algorithmen, Überwachung und soziale Medien hinsichtlich Privatheit und Datensicherheit.
Ethische Fragen im Zusammenhang mit der Entwicklung und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI), Autonomie und Verantwortung.
Ethische Fragen im Bereich der Wirtschaft, insbesondere Corporate Social Responsibility (CSR) und nachhaltiges Wirtschaften.
Ethische Herausforderungen im Journalismus und in den Medien, wie Fake News, Meinungsbildung und Manipulation.
Diskussion über den moralischen Status von Tieren und die ethischen Implikationen für Tierhaltung, Tierversuche und Ernährung.
Ethische Fragen im Zusammenhang mit dem Klimawandel, globaler Gerechtigkeit und der Verantwortung von Staaten und Individuen.

06Logik und Argumentation
Werkzeuge des klaren Denkens: Formale Logik, Argumentationsstrukturen und rhetorische Analyse.
Die Schülerinnen und Schüler definieren den Gegenstandsbereich der Logik und unterscheiden zwischen formaler und informeller Logik.
Einführung in die Aussagenlogik, logische Konnektoren (Negation, Konjunktion, Disjunktion, Implikation, Äquivalenz) und die Erstellung von Wahrheitstafeln.
Einführung in die aristotelische Syllogistik, die Prüfung der Gültigkeit von Syllogismen und die Identifikation von Fehlschlüssen.
Analyse von Argumenten in natürlicher Sprache, Identifikation von Prämissen und Konklusionen sowie die Bewertung ihrer Stärke.
Einführung in gängige informelle Fehlschlüsse (z.B. ad hominem, Strohmann, Zirkelschluss) und rhetorische Manipulationstechniken.
Analyse von rhetorischen Tricks und Scheinargumenten nach Arthur Schopenhauer, um Debatten zu gewinnen, auch ohne Recht zu haben.
Strukturierung komplexer philosophischer Essays und Positionspapiere, Entwicklung einer klaren Argumentationskette und Umgang mit Gegenargumenten.
Analyse und Bewertung von Argumenten in realen Diskursen (z.B. politische Reden, Zeitungsartikel, wissenschaftliche Debatten).
Reflexion über die Rolle von Intuition und Emotionen im Argumentationsprozess und deren Verhältnis zur rationalen Begründung.
Einführung in die Grundlagen der Prädikatenlogik, die Verwendung von Quantoren (All- und Existenzquantor) und die Analyse von Relationen.
Einführung in die Modallogik, die sich mit den Begriffen Notwendigkeit, Möglichkeit und Unmöglichkeit auseinandersetzt.