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Grundlagen der Entwicklungspsychologie
Psychologie · Klasse 11 · Entwicklungspsychologie · 2. Halbjahr

Grundlagen der Entwicklungspsychologie

Was verstehen wir unter Entwicklung und welche Faktoren beeinflussen sie? Wir untersuchen die grundlegenden Fragen und Kontroversen, wie die Anlage-Umwelt-Debatte und die Bedeutung von sensiblen Phasen.

Kurzfassung:Warum sind Sie so geworden, wie Sie sind? Diese Unterrichtseinheit führt Ihre Schülerinnen und Schüler an die grundlegendsten Fragen der Psychologie heran und legt das Fundament für das Verständnis aller weiteren Themen.

KMK BildungsstandardsBayern LehrplanPLUS: Psy 11.5 EntwicklungspsychologieKMK Bildungsstandards: Entwicklung

Über dieses Thema

Die Grundlagen der Entwicklungspsychologie bilden ein zentrales Fundament im Psychologieunterricht der gymnasialen Oberstufe in Deutschland. Dieses Thema führt in die Kernfragen ein, wie und warum sich Menschen über ihre gesamte Lebensspanne verändern. Es werden nicht nur die Veränderungen im Kindes- und Jugendalter betrachtet, sondern die Entwicklung als lebenslanger Prozess verstanden. Die Auseinandersetzung mit den grundlegenden Kontroversen, insbesondere der Anlage-Umwelt-Debatte, schult das kritische Denken und die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, monokausale Erklärungen für komplexes menschliches Verhalten zu hinterfragen. Dieses Wissen ist unerlässlich für das Verständnis späterer Themen wie der kognitiven Entwicklung nach Piaget, der psychosozialen Entwicklung nach Erikson oder der Bindungstheorie.

Für den Lehrplan der Oberstufe ist dieses Thema von besonderer Bedeutung, da es die Basis für die Anwendungsbereiche der Psychologie, wie die Pädagogische Psychologie oder die Klinische Psychologie, legt. Das Verständnis für sensible Phasen und die Wechselwirkung von genetischer Disposition und Umweltfaktoren ermöglicht es den Lernenden, die Bedeutung von Frühförderung, Bildungsangeboten und sozialen Rahmenbedingungen für eine gesunde Entwicklung zu bewerten. Die hier erlernten Konzepte sind somit nicht nur für das Abitur relevant, sondern bieten auch eine wichtige Orientierung für zukünftige soziale, pädagogische oder psychologische Berufsfelder und fördern die Reflexion der eigenen Biografie.

Leitfragen

  1. Erkläre die zentralen Gegenstände und Ziele der Entwicklungspsychologie.
  2. Vergleiche die relative Bedeutung von genetischer Veranlagung (Anlage) und Umwelteinflüssen für die menschliche Entwicklung.
  3. Bewerte das Konzept von kritischen und sensiblen Phasen anhand von konkreten Beispielen aus der Entwicklung.

Lernziele

  • Die Schülerinnen und Schüler definieren den Gegenstandsbereich der Entwicklungspsychologie und erläutern ihre zentralen Aufgaben.
  • Sie analysieren das komplexe Zusammenwirken von Anlage- und Umweltfaktoren bei der Erklärung menschlicher Entwicklung.
  • Sie beurteilen die Bedeutung von kritischen und sensiblen Phasen für verschiedene Entwicklungsbereiche anhand von Beispielen.
  • Sie wenden grundlegende Konzepte auf Fallbeispiele an, um Entwicklungsverläufe zu interpretieren und zu diskutieren.
  • Sie erkennen die Relevanz entwicklungspsychologischer Erkenntnisse für pädagogische und gesellschaftliche Fragestellungen.

Schlüsselvokabular

Anlage-Umwelt-DebatteDie wissenschaftliche Auseinandersetzung über den relativen Anteil von genetischen Veranlagungen (Anlage) und Umwelteinflüssen (Umwelt) an der Entwicklung von Merkmalen und Verhaltensweisen.
EntwicklungRelativ überdauernde und aufeinander bezogene intraindividuelle Veränderungen des Erlebens und Verhaltens über die Zeit hinweg.
Sensible PhaseEin bestimmter Zeitabschnitt in der Entwicklung, in dem ein Individuum besonders empfänglich für die Aneignung spezifischer Fähigkeiten durch Umwelteinflüsse ist. Das Lernen ist auch außerhalb dieser Phase noch möglich, aber oft mühsamer.
ReifungEntwicklungsprozesse, die vorwiegend durch genetische Programme gesteuert werden und relativ unabhängig von spezifischen Lernerfahrungen ablaufen (z.B. die Pubertät).
EpigenetikEin Teilgebiet der Biologie, das sich mit der Frage befasst, welche Faktoren die Aktivität eines Gens und damit die Entwicklung der Zelle zeitweilig festlegen. Umwelteinflüsse können diese Genaktivität verändern.

Vorsicht vor diesen Fehlvorstellungen

Häufige FehlvorstellungAnlage (Gene) legt alles fest, die Umwelt kann daran nichts ändern.

Was Sie stattdessen lehren sollten

Gene liefern einen Rahmen von Möglichkeiten, aber die Umwelt bestimmt maßgeblich, wie diese Möglichkeiten realisiert werden. Das Konzept der Epigenetik zeigt, dass Umwelterfahrungen sogar die Aktivität von Genen an- und abschalten können. Es handelt sich um eine ständige Wechselwirkung, nicht um eine Einbahnstraße.

Häufige FehlvorstellungWenn eine sensible Phase für das Lernen verpasst wurde, ist es für immer zu spät.

Was Sie stattdessen lehren sollten

Eine sensible Phase ist ein optimales Zeitfenster, kein endgültiges. Lernen ist auch danach noch möglich, erfordert aber oft mehr Anstrengung. Echte 'kritische Phasen', in denen ein Versäumnis unumkehrbar ist, sind beim Menschen sehr selten (z.B. in der frühen visuellen Entwicklung).

Häufige FehlvorstellungEntwicklung findet nur im Kindes- und Jugendalter statt.

Was Sie stattdessen lehren sollten

Die Entwicklungspsychologie der Lebensspanne betont, dass Entwicklung ein lebenslanger Prozess ist. Auch im Erwachsenen- und Seniorenalter finden wichtige Entwicklungsaufgaben, Veränderungen und Lernprozesse statt, beispielsweise im Beruf, in der Partnerschaft oder bei der Auseinandersetzung mit dem Altern.

Ideen für aktives Lernen

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Bezüge zur Lebenswelt

  • Die Konzeption von Frühförderprogrammen, die gezielt anregende Umweltbedingungen für Kinder aus benachteiligten Verhältnissen schaffen.
  • Die Gestaltung von Lehrplänen und pädagogischen Konzepten in Kitas und Schulen, die auf altersspezifische Entwicklungsstände abgestimmt sind.
  • Die Beratung von Eltern zur Bedeutung einer sicheren Bindung und sprachlicher Anregung in den ersten Lebensjahren.
  • Die Entwicklung von Präventionsprogrammen gegen Suchtverhalten, die sowohl genetische Prädispositionen als auch soziale Risikofaktoren berücksichtigen.
  • Gerontologische Konzepte zur Förderung von lebenslangem Lernen und sozialer Teilhabe im Alter.

Ideen zur Lernstandserhebung

Kurze Überprüfung

Erstellung einer Concept-Map, welche die Begriffe Anlage, Umwelt, Reifung und Lernen zueinander in Beziehung setzt und deren Wechselwirkungen visualisiert.

Kurze Überprüfung

Analyse eines Fallbeispiels in einer Klausur, in dem ein Entwicklungsverlauf unter Einbezug der Anlage-Umwelt-Debatte und des Konzepts sensibler Phasen multiperspektivisch erörtert werden muss.

Kurze Überprüfung

Die Schülerinnen und Schüler verfassen eine kurze schriftliche Reflexion über ihre eigene Talent- oder Fähigkeitsentwicklung (z.B. musikalisch, sportlich) und analysieren die vermuteten Anteile von Anlage und Umwelt.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der genaue Unterschied zwischen einer kritischen und einer sensiblen Phase?
Eine kritische Phase ist ein eng begrenzter Zeitraum, in dem eine bestimmte Erfahrung zwingend gemacht werden muss, damit sich eine Fähigkeit normal entwickelt. Wird sie verpasst, ist der Schaden meist irreversibel. Eine sensible Phase ist ein längerer Zeitraum, in dem das Gehirn besonders empfänglich für bestimmte Lernprozesse ist. Lernen ist danach zwar noch möglich, aber deutlich schwieriger.
Wie kann man die Einflüsse von Anlage und Umwelt überhaupt wissenschaftlich trennen?
Man kann sie nie perfekt trennen, aber Forscher nutzen bestimmte Designs, um die relativen Anteile abzuschätzen. Dazu gehören Zwillingsstudien (Vergleich von eineiigen und zweieiigen Zwillingen), Adoptionsstudien (Vergleich von Adoptivkindern mit ihren biologischen und Adoptiveltern) und Längsschnittstudien, die die Entwicklung über lange Zeit verfolgen.
Spielt die Reihenfolge der Entwicklungsschritte bei jedem Menschen eine Rolle?
Ja, Entwicklung verläuft oft in universellen Sequenzen, bei denen spätere Fähigkeiten auf früheren aufbauen. Ein Kind lernt zum Beispiel erst zu krabbeln, dann zu stehen und dann zu laufen. Die Geschwindigkeit kann individuell variieren, aber die Abfolge ist meist festgelegt.
Edited by Adriana Perusin, Editor-in-Chief, Flip Education