Viele Referendare berichten, dass sie mehr Zeit mit dem Schreiben des Unterrichtsentwurfs verbringen als mit der Stunde selbst. Das ist kein Zufall. Der Unterrichtsentwurf ist im deutschen Referendariat nicht nur ein Planungsdokument, sondern ein Prüfungsinstrument, das direkt in die Bewertung der Lehrprobe einfließt. Wer seine Struktur kennt und versteht, was Seminarleiterinnen und Seminarleiter wirklich suchen, hat einen entscheidenden Vorteil.
Dieser Leitfaden führt Sie durch jeden Abschnitt: von der Bedingungsanalyse bis zur schriftlichen Reflexion nach der Stunde.
Der Aufbau eines professionellen Unterrichtsentwurfs
Ein vollständiger Unterrichtsentwurf folgt einer Standardstruktur, die bundesweit in ähnlicher Form verlangt wird, auch wenn die genauen Vorgaben je nach Bundesland und Studienseminar variieren. Das Handbuch Vorbereitungsdienst des Berliner Senats etwa beschreibt folgende Kernabschnitte:
Deckblatt
Das Deckblatt enthält Name, Schule, Klasse, Fach, Datum, Thema der Stunde und den Namen der betreuenden Seminarleitung. Es klingt trivial, aber ein unvollständiges Deckblatt hinterlässt direkt den ersten schlechten Eindruck.
Bedingungsanalyse
Hier beschreiben Sie die Lerngruppe: Klassengröße, Lernstand, besondere Förderbedarfe, soziales Klima, Vorerfahrungen mit dem Thema. Diese Analyse ist keine Formalität. Sie begründet jede methodische Entscheidung, die Sie später treffen.
Sachanalyse
Die Sachanalyse zeigt, dass Sie den Lehrgegenstand fachlich durchdrungen haben. Sie erklären das Thema aus fachlicher Perspektive, klären zentrale Begriffe und ordnen den Inhalt in den größeren Lehrplanzusammenhang ein.
Didaktisch-methodische Analyse
Das ist das Herzstück des Entwurfs. Hier begründen Sie: Warum dieses Thema für diese Klasse jetzt? Welche didaktische Reduktion nehmen Sie vor? Welche Sozialformen und Medien setzen Sie ein, und aus welchem Grund?
Lernziele
Lernziele formulieren Sie kompetenzorientiert, also nicht als "Die Schülerinnen und Schüler lernen etwas über Photosynthese", sondern als "Die Lernenden können den Prozess der Photosynthese in eigenen Worten erklären und an einem Beispiel darstellen." Die Unterscheidung zwischen Grob- und Feinzielen ist in vielen Seminarvorgaben obligatorisch.
Verlaufsplanung
Die tabellarische Verlaufsskizze gliedert die Stunde in Phasen mit Zeitangaben, Lehrertätigkeit, Schülertätigkeit, Sozialform und Medieneinsatz.
Analyse der Lernvoraussetzungen und des Bedingungsfeldes
Die Bedingungsanalyse ist der Abschnitt, den viele Referendare zu dünn schreiben. Sie kennen ihre Klasse, also scheint es überflüssig, mehrere Seiten darüber zu schreiben. Das ist ein Irrtum.
Seminarleiterinnen und Seminarleiter lesen die Bedingungsanalyse, um zu verstehen, ob Ihre Methodenwahl zur tatsächlichen Lerngruppe passt. Schreiben Sie daher konkret:
- Wie viele Schülerinnen und Schüler haben Deutsch als Zweitsprache?
- Welche Vorerfahrungen bringen sie mit dem Thema mit, konkret aus dem vorangegangenen Unterricht, nicht allgemein aus dem Alltag?
- Welche Differenzierungsmaßnahmen folgen aus diesen Voraussetzungen?
Eine schwache Bedingungsanalyse liest sich so: "Die Klasse 8b ist motiviert und arbeitet gerne kooperativ." Eine starke Bedingungsanalyse benennt spezifische Beobachtungen und leitet daraus direkte methodische Konsequenzen ab.
Beginnen Sie in den ersten Wochen einer Klasse, ein kurzes Beobachtungsprotokoll zu führen: Wer beteiligt sich mündlich? Wer braucht mehr Zeit bei schriftlichen Aufgaben? Wer kooperiert gut, wer braucht klare Strukturen? Dieses Protokoll ist Ihre Primärquelle für die Bedingungsanalyse und spart später erheblich Zeit.
Didaktische Reduktion und Kompetenzorientierung nach KMK- Standards
Seit der Einführung der KMK-Bildungsstandards hat sich das Grundprinzip des deutschen Schulunterrichts formal verschoben: weg von der Frage "Was soll gelehrt werden?" hin zu "Welche Kompetenzen sollen Lernende am Ende beherrschen?" Dieser Unterschied ist kein bürokratisches Detail, er verändert, wie Sie Lernziele formulieren und Ihren Entwurf aufbauen.
Was didaktische Reduktion konkret bedeutet
Kein Schulthema kann im Unterricht vollständig behandelt werden. Didaktische Reduktion ist die begründete Auswahl: Was ist für diese Altersgruppe, diesen Lernstand und dieses Zeitfenster unverzichtbar? Was kann vereinfacht werden, ohne die fachliche Integrität zu verletzen?
Ein Beispiel: Im Biologieunterricht der Klasse 6 braucht es keine biochemische Detailtiefe bei der Zellteilung. Die Reduktion auf Kerneigenschaften lebender Zellen ist didaktisch legitim und muss als solche im Entwurf begründet werden.
Kompetenzorientierte Lernziele formulieren
Nutzen Sie Bloom's Taxonomie als Orientierung, aber benennen Sie sie im Entwurf nicht zwingend explizit. Wichtig ist, dass Ihre Ziele ein messbares Operationsverb enthalten: beschreiben, analysieren, vergleichen, entwickeln, beurteilen. Vage Formulierungen wie "kennenlernen" oder "verstehen" genügen den meisten Seminaranforderungen nicht.
Für Förderschulen und inklusive Lerngruppen gelten die gleichen Prinzipien, aber auf differenzierten Anforderungsniveaus. Dokumentieren Sie diese Niveaus im Entwurf, zum Beispiel als Basisziele für alle und erweiterte Ziele für leistungsstärkere Lernende.
— KMK-Bildungsstandards, KultusministerkonferenzDie Bildungsstandards legen fest, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler bis zu einem bestimmten Bildungsabschnitt erworben haben sollen.
Die Verlaufsmatrix: Zeitmanagement und Phasierung
Die tabellarische Verlaufsplanung ist der Teil des Entwurfs, den Beobachtende während der Stunde direkt mitverfolgen. Eine schlechte Zeitplanung fällt sofort auf.
Die klassischen Phasen einer Unterrichtsstunde
Ein typischer 45-Minuten-Block gliedert sich grob in Einstieg, Erarbeitung, Sicherung und Abschluss. Die Zeitangaben sind Richtwerte, keine Festlegungen.
Einstieg (5–8 Minuten)
Der Einstieg weckt Interesse, aktiviert Vorwissen und stellt den Stundenkontext her. Gute Einstiege sind provokativ, konkret oder überraschend: ein Bild, eine offene Frage, ein kurzes Experiment. Schreiben Sie im Entwurf, welches kognitive Ziel dieser Einstieg verfolgt, nicht nur, was Sie zeigen.
Erarbeitung (15–20 Minuten)
Hier findet das eigentliche Lernen statt. Legen Sie fest, ob Sie frontal einführen, Partner- oder Gruppenarbeit einsetzen oder eine Lernstation aufbauen. Begründen Sie die Sozialform mit Blick auf die Lernziele und die Bedingungsanalyse.
Sicherung (8–12 Minuten)
Ergebnisse werden gesichert, dokumentiert, verglichen: das Tafelbild, das Heft, das Plakat. Denken Sie im Entwurf bereits an die Transferfrage: Wie wird sichergestellt, dass alle Lernenden den Kerninhalt mitnehmen?
Abschluss (3–5 Minuten)
Ein Exit-Ticket, eine Reflexionsrunde, ein Ausblick auf die nächste Stunde. Der Abschluss ist kein optionaler Anhang, sondern der didaktisch begründete Schlusspunkt.
Sozialformen und Medieneinsatz dokumentieren
In der Verlaufstabelle reicht eine Abkürzung: EA (Einzelarbeit), PA (Partnerarbeit), GA (Gruppenarbeit), UG (Unterrichtsgespräch), LV (Lehrervortrag). Für Medien: Beamer, Whiteboard, Tablet, Arbeitsblatt (AB). Diese Systematik zeigt, dass Sie die Vielfalt der Lernformen bewusst einsetzen.
Planen Sie Puffer ein. Eine Erarbeitungsphase, die exakt 17 Minuten dauern soll, ist unrealistisch. Schreiben Sie "15–20 Min." in Ihre Tabelle und notieren Sie im Entwurf, welche Phase bei Zeitnot gekürzt werden kann, ohne das Kernlernziel zu gefährden.
Digitale Tools und KI im Unterrichtsentwurf richtig kennzeichnen
Die Integration digitaler Werkzeuge im Unterricht ist in deutschen Schulen spätestens seit dem DigitalPakt Schule kein Ausnahmephänomen mehr. Dennoch fehlen in vielen Studienseminaren verbindliche Vorgaben dazu, wie KI-Tools im Unterrichtsentwurf deklariert werden sollen. Das schafft eine Grauzone, in der Referendare unsicher agieren.
Transparenz als methodisches Grundprinzip
Ob Sie ChatGPT zur Differenzierung von Aufgaben, ein digitales Whiteboard wie Miro oder eine automatische Feedbackplattform einsetzen: Jedes Tool muss im Entwurf erscheinen, mit methodischer Begründung. Die Frage ist nicht "Darf ich das?", sondern "Warum ist dieses Tool für dieses Lernziel sinnvoll?"
Eine belastbare Begründung enthält drei Elemente:
- Welches kognitive oder kommunikative Ziel verfolgt der Tooleinsatz?
- Welche Alternativen gäbe es, und warum wurde dieses Tool vorgezogen?
- Wie wird sichergestellt, dass alle Lernenden gleichberechtigt Zugang haben?
KI-generierte Materialien deklarieren
Wenn Sie Texte, Aufgaben oder Grafiken mithilfe von KI erstellt haben, gehört eine kurze Deklaration in die Fußnote oder den Methodenanmerkungsabschnitt Ihres Entwurfs. Formulierungen wie "Aufgabenblatt erstellt mit Unterstützung von ChatGPT-4, inhaltlich geprüft und angepasst" sind transparent und zeigen methodische Reflexivität.
Bislang gibt es keine bundesweit einheitliche Regelung dazu, wie KI-gestützte Vorbereitung ausgewiesen werden muss. Sprechen Sie aktiv mit Ihrer Seminarleitung ab, welches Format erwartet wird.
KI kann Aufgaben auf drei Anforderungsniveaus in wenigen Minuten generieren. Der pädagogische Entscheid darüber, welches Niveau für welchen Lernenden geeignet ist, bleibt aber bei Ihnen. Dokumentieren Sie genau diese Entscheidung im Entwurf, nicht nur das Tool.
Vom Kurzentwurf zum Prüfungsentwurf: Zeitsparende Strategien
Im Alltag des Referendariats schreiben Sie nicht für jede Stunde einen vollständigen Prüfungsentwurf. Das wäre zeitlich nicht leistbar. Die Kunst liegt darin zu wissen, wann welcher Dokumentationsgrad angemessen ist.
Der Kurzentwurf für den Alltag
Ein Kurzentwurf umfasst in der Regel eine DIN-A4-Seite: Lernziele, Stichpunkte zu Verlauf und Materialien. Er ist kein minderwertiges Dokument, sondern die verdichtete Praxis erfahrener Lehrkräfte.
Strukturieren Sie Ihren Kurzentwurf trotzdem konsequent:
- Lernziel: Was können die Lernenden am Ende?
- Einstieg: Wie aktivieren Sie Vorwissen?
- Erarbeitungsform: Was tun die Lernenden konkret?
- Sicherung: Wie wird das Ergebnis festgehalten?
Der Prüfungsentwurf für Lehrproben
Für die Lehrprobe oder den Unterrichtsbesuch mit Seminarleitung schreiben Sie den vollständigen Unterrichtsentwurf. Geben Sie sich ausreichend Zeit: Mindestens drei bis fünf Tage vor der Stunde sollte er fertig sein, nicht weil die Vorgabe es so verlangt, sondern weil Sie damit Gelegenheit gewinnen, ihn noch einmal kritisch zu lesen.
Ein häufiger Fehler ist, die Methodenwahl zu allgemein zu begründen: "Diese Methode fördert die Kooperation der Schülerinnen und Schüler." Stärker ist eine Begründung aus der spezifischen Lerngruppe heraus: "Die Klasse 7a hat in der Bedingungsanalyse gezeigt, dass kooperative Formate für drei Lernende mit sozial-emotionalem Förderbedarf besonders strukturiert eingeführt werden müssen. Daher..."
Legen Sie sich eine Unterrichtsentwurf-Vorlage mit allen Pflichtfeldern an. Füllen Sie die Abschnitte in der Reihenfolge aus, in der Sie denken, nicht in der Reihenfolge, in der sie im Dokument erscheinen. Viele beginnen mit der Verlaufsskizze und füllen die Begründungsabschnitte rückwärts aus.
Reflexion: Wenn die Stunde anders verläuft als geplant
Die schriftliche Reflexion nach der Stunde ist kein Anhang. Sie ist das Dokument, das zeigt, ob Sie Ihren eigenen Unterricht professionell analysieren können. Eine ehrliche Reflexion, die Abweichungen vom Plan benennt und begründet, wird von Seminarleiterinnen und Seminarleitern höher bewertet als eine nachträgliche Rechtfertigung.
In der Fachdiskussion wird das Spannungsfeld zwischen dem idealtypischen Entwurf und der Unterrichtsrealität als "Feiertagsdidaktik" bezeichnet: Der Unterrichtsentwurf beschreibt eine Musterstunde, die im Alltag so selten vorkommt. Die GEW Hessen und das Berliner Senatshandbuch benennen diese Spannung ausdrücklich als strukturelles Merkmal der zweiten Ausbildungsphase. Nutzen Sie die Reflexion, um diesen Abstand produktiv zu machen, nicht um ihn zu verstecken.
Was eine professionelle Reflexion enthält Eine strukturierte Nachbereitung beantwortet vier Fragen:
Wurden die Lernziele erreicht?
Nicht "Die Stunde lief gut", sondern: Haben die Lernenden am Ende das formulierte Kompetenzziel erreicht? Wie wissen Sie das? Welche Beobachtungen oder Schüleräußerungen belegen Ihre Einschätzung?
Wo wich die Stunde vom Plan ab, und warum?
Viele Stunden verlaufen anders als geplant. Ein Einstieg zündet nicht, eine Gruppenarbeit braucht zehn Minuten länger, eine Schülerin stellt eine Frage, die den Unterricht in eine andere Richtung zieht. Benennen Sie diese Abweichungen präzise, ohne sich zu entschuldigen.
Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?
Das ist die Kernfrage der Reflexion. Konkrete Alternativen zeigen Handlungskompetenz. "Ich würde die Aufgabenstellung klarer formulieren, da drei Lernende nachfragen mussten" ist aussagekräftiger als "Die Erarbeitungsphase könnte besser sein."
Was hat gut funktioniert, und warum?
Reflexion ist keine Selbstkritik. Benennen Sie, was erfolgreich war, und analysieren Sie die Ursache. Das schärft das didaktische Gespür und zeigt analytische Reife.
Was das für Ihren nächsten Unterrichtsentwurf bedeutet
Ein überzeugender Unterrichtsentwurf ist keine bürokratische Pflichtübung. Er ist der Nachweis, dass Sie didaktisch denken können: dass Sie eine Lerngruppe analysieren, Inhalte sinnvoll reduzieren, Methoden begründen und Ergebnisse reflektieren.
Die Techniken sind erlernbar. Was Seminarleiterinnen und Seminarleiter suchen, ist kein perfekter Plan, sondern ein kohärentes Argument: Warum diese Stunde, für diese Klasse, so und nicht anders?
Beginnen Sie Ihren nächsten Unterrichtsentwurf nicht mit dem Deckblatt. Beginnen Sie mit der Frage: Was sollen die Lernenden am Ende können, das sie vorher nicht konnten? Alles andere ergibt sich daraus.
Flip Education unterstützt Lehrkräfte im Referendariat mit KI-gestützten Planungstools, die auf aktiven Lernmethoden basieren, von der Lernzielformulierung bis zur differenzierten Materialerstellung.



