"Die Schülerinnen und Schüler sollen das Thema Fotosynthese durchnehmen." Wer hat diesen Satz nicht schon selbst geschrieben oder im Kollegium gehört? Das Problem ist strukturell: Er beschreibt, was die Lehrkraft tut, nicht was die Lernenden danach können. Und genau darin liegt einer der hartnäckigsten didaktischen Stolpersteine im deutschen Schulalltag.
Lernziele formulieren ist keine bürokratische Pflichtübung für Unterrichtsentwürfe im Referendariat. Klare Ziele sind der Unterschied zwischen einer Stunde, die irgendwo endet, und einer Stunde, die nachprüfbar Kompetenz aufbaut. Dieser Leitfaden zeigt, wie das konkret gelingt – mit der Bloom-Taxonomie, der SMART-Methode und praxisnahen Beispielen für verschiedene Fächer und Jahrgangsstufen.
Was sind Lernziele – und warum fordert die KMK ihre genaue Formulierung?
Lernziele beschreiben, was Schülerinnen und Schüler am Ende einer Unterrichtseinheit, einer Unterrichtsreihe oder eines Schuljahres können oder wissen sollen. Der entscheidende Wandel, den die Kultusministerkonferenz mit ihren Bildungsstandards seit 2003 vollzogen hat, geht genau dahin: weg von der reinen Inhaltsvermittlung, hin zur Beschreibung beobachtbarer Handlungen und Lernergebnisse.
Die KMK-Bildungsstandards schreiben nicht mehr vor, welche Stoffe Lehrkräfte "durchnehmen" müssen. Sie legen fest, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler erwerben sollen – also was sie eigenständig in neuen Situationen tun können. Das zwingt zur Rückwärtsplanung: Was sollen die Lernenden am Ende können, und wie lässt sich das überprüfen?
In der Didaktik unterscheidet man traditionell drei Abstraktionsebenen:
- Richtziele beschreiben übergeordnete Bildungsziele wie "kritisches Denken fördern".
- Grobziele konkretisieren diese auf Einheits- oder Modulebene.
- Feinziele sind die operationalisierten Stundenziele: spezifisch, beobachtbar, überprüfbar.
Das wb-web-Portal des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung beschreibt dieses Dreistufenmodell als Grundlage für strukturierte Unterrichtsplanung. Für den Schulalltag sind vor allem Feinziele relevant – sie übersetzen Bildungsstandards in konkretes Unterrichtshandeln.
Die Anatomie eines Lernziels: Inhalts- und Verhaltenskomponente Ein gut formuliertes, kompetenzorientiertes Lernziel besteht aus zwei Teilen:
- Inhaltskomponente: Was ist der Gegenstand des Lernens? Beispiel: "die Ursachen des Ersten Weltkriegs"
- Verhaltenskomponente: Was tun die Schülerinnen und Schüler damit? Welches Endverhalten ist beobachtbar? Beispiel: "erklären", "vergleichen", "beurteilen"
Dieses Prinzip der Operationalisierung bedeutet: Statt "verstehen" oder "kennenlernen" verwendet man Verben, die eine konkrete, beobachtbare Handlung beschreiben. Ein Lernziel ist dann gut formuliert, wenn eine außenstehende Person nach der Stunde zweifelsfrei feststellen kann, ob es erreicht wurde.
Transparent formulierte Lernziele erhöhen die Orientierung für Lernende und fördern selbstgesteuertes Lernen aktiv. Wer weiß, wohin er muss, kann seinen Weg dorthin besser planen.
Stellen Sie sich beim Formulieren immer diese Frage: "Wie erkenne ich am Ende der Stunde, ob das Lernziel erreicht wurde?" Wenn die Antwort schwierig fällt, ist das Lernziel noch nicht operationalisiert genug.
Vollständig operationalisierte Lernziele enthalten nach der Didaktik-Tradition von Robert Mager sogar drei Elemente: das Endverhalten (Was kann der Lernende?), die Bedingungen (Unter welchen Umständen?) und den Beurteilungsmaßstab (Wie gut, wie vollständig?). Diese vollständige Form ist für Prüfungssituationen besonders relevant. Im regulären Unterricht genügt oft die Kombination aus Verhaltens- und Inhaltskomponente – aber der Maßstab sollte zumindest mitgedacht werden.
Taxonomiestufen nach Bloom sicher anwenden
Benjamin Bloom legte 1956 mit seiner Taxonomie kognitiver Lernziele eine Grundlage, auf der die Didaktik bis heute aufbaut. Die überarbeitete Version von Lorin Anderson und David Krathwohl (2001) unterscheidet sechs Stufen kognitiven Lernens, von der niedrigsten zur höchsten:
| Stufe | Bezeichnung | Schlüsselverben (Deutsch) |
|---|---|---|
| 1 | Erinnern | nennen, aufzählen, definieren, wiedergeben, beschriften |
| 2 | Verstehen | erklären, zusammenfassen, beschreiben, interpretieren, einordnen |
| 3 | Anwenden | berechnen, lösen, anwenden, durchführen, einsetzen |
| 4 | Analysieren | untersuchen, vergleichen, unterscheiden, gliedern, belegen |
| 5 | Beurteilen | bewerten, begründen, Stellung nehmen, kritisieren, rechtfertigen |
| 6 | Erschaffen | entwerfen, entwickeln, planen, formulieren, gestalten |
Für die Unterrichtsplanung gilt: Die Stufen sind nicht zwingend eine strenge Hierarchie, die man von unten nach oben abarbeitet. Sie zeigen aber, auf welchem kognitiven Niveau ein Lernziel angesiedelt ist. Eine Unterrichtsstunde, die ausschließlich Stufe-1-Ziele anvisiert, bleibt auf der Ebene des Auswendiglernens. Eine ausgewogene Einheit enthält Ziele auf verschiedenen Niveaus.
Im Geschichtsunterricht wäre "Die Schülerinnen und Schüler nennen drei Ursachen des Ersten Weltkriegs" ein Stufe-1-Ziel. "Sie beurteilen, inwieweit der Nationalismus als Hauptursache anzusehen ist, und begründen ihre Position mit historischen Belegen" arbeitet auf Stufe 5. Beide Ziele haben ihren Platz – aber eine gute Unterrichtsreihe braucht beide.
Ein didaktischer Grundsatz der Lernzielplanung besagt, dass die Wahl der Taxonomiestufe direkt beeinflusst, welche Aufgabenformate und Beurteilungsinstrumente sinnvoll sind. Wer auf Stufe 4 oder 5 unterrichtet, kann nicht kohärent mit reinen Multiple-Choice-Fragen auf Stufe 1 prüfen. Hier klafft sonst eine didaktische Lücke zwischen Lernziel und Überprüfung.
Lernziele formulieren mit der SMART- Methode
Die SMART-Kriterien stammen ursprünglich aus dem Projektmanagement, lassen sich aber direkt auf die Unterrichtsplanung übertragen:
- S – Spezifisch: Das Ziel beschreibt einen konkreten Inhalt und ein konkretes Verhalten.
- M – Messbar: Das Erreichen des Ziels ist beobachtbar und überprüfbar.
- A – Aktivierend: Das Ziel ist für die Lerngruppe bedeutsam und motivierend.
- R – Realistisch: Das Ziel ist im gegebenen Zeitrahmen erreichbar.
- T – Terminiert: Das Ziel gilt für eine definierte Einheit (Stunde, Woche, Modul).
Sehen wir uns SMART in der Praxis an, am Beispiel einer Biologiestunde zur Osmose:
Nicht SMART (vage, lehrerzentriert): "Die Schülerinnen und Schüler sollen Osmose verstehen."
SMART: "Die Schülerinnen und Schüler können am Ende der Stunde den Prozess der Osmose anhand eines selbst gewählten Alltagsbeispiels erklären und dabei die Begriffe semipermeable Membran und Konzentrationsgradient korrekt verwenden."
Der Unterschied ist erheblich: Das zweite Ziel ist sofort überprüfbar. Eine Lehrkraft kann die Schüleräußerungen am Stundenende direkt gegen das Ziel abgleichen.
Viele Formulierungshilfen fokussieren auf Spezifität und Messbarkeit – das "Aktivierend" wird oft übersehen. Ein Lernziel, das für die Lerngruppe keine erkennbare Relevanz hat, senkt die intrinsische Motivation. Die Antwort auf die Frage "Warum ist das für uns wichtig?" gehört zwar nicht ins Lernziel selbst, sollte es aber informieren und im Stundenaufbau sichtbar werden.
KI-Unterstützung: Lernziele effizient mit ChatGPT generieren
Viele Lehrkräfte arbeiten bereits mit KI-Tools zur Unterrichtsvorbereitung. Für die Lernzielformulierung ist das besonders hilfreich – vorausgesetzt, man gibt dem Modell die richtigen Rahmendaten.
Drei erprobte Prompt-Strukturen:
Prompt 1: Rohentwurf taxonomiekonform verfeinern
Ich unterrichte Klasse 8 Gymnasium, Fach Deutsch. Thema der Stunde: Erörterung schreiben. Mein bisheriges Lernziel ist: "Schüler sollen eine Erörterung schreiben können."
Formuliere daraus drei kompetenzorientierte Lernziele auf verschiedenen Niveaustufen der Bloom-Taxonomie (Stufe 3 – Anwenden, Stufe 4 – Analysieren, Stufe 5 – Beurteilen). Die Ziele sollen schülerzentriert sein, ein beobachtbares Endverhalten beschreiben und mit "Die Schülerinnen und Schüler..." beginnen.
Prompt 2: Differenzierung für heterogene Lerngruppen
Ich benötige Lernziele für eine heterogene Klasse 6, Thema Bruchrechnung. Erstelle Basisanforderungen (Bloom-Stufe 1-2) und erweiterte Ziele (Bloom-Stufe 3-4). Alle Formulierungen sollen SMART sein und im Präsens aus Schülerperspektive stehen.
Prompt 3: Überprüfungsformat ableiten
Gegeben dieses Lernziel: [Ihr Lernziel einfügen]. Auf welcher Bloom-Stufe liegt es? Schlage drei passende Aufgaben- oder Prüfungsformate vor, mit denen ich das Erreichen dieses Ziels am Stundenende überprüfen kann.
Ein wichtiger Hinweis: KI-generierte Lernziele müssen fachlich und curricular überprüft werden. Die Modelle kennen die Bildungsstandards Ihres Bundeslandes nicht im Detail und können inhaltliche Ungenauigkeiten produzieren. Nutzen Sie KI als Entwurfswerkzeug, nicht als Endprodukt.
Best Practices für digitale und hybride Lernumgebungen
Im Distanzunterricht, bei Flipped-Classroom-Konzepten oder beim Lernen über Lernmanagementsysteme gewinnen Lernziele eine neue Qualität: Sie werden zur primären Orientierungsstruktur für Lernende, die ohne direkte Lehreranwesenheit arbeiten.
Lernziele an den Beginn jedes Moduls stellen. Nicht als Pflichttext, der übersprungen wird, sondern als echte Navigationsstruktur. "Nach diesem Video kannst du..." ist konkreter und motivierender als "In diesem Video geht es um..Lernziele mit Selbstüberprüfung verbinden. Gute digitale Lernumgebungen erlauben es Lernenden, ihren eigenen Fortschritt einzuschätzen. Formulieren Sie Ziele so, dass Schülerinnen und Schüler selbst beurteilen können: "Kann ich das bereits?" Klar formulierte Ziele fördern selbstgesteuertes Lernen – besonders relevant in asynchronen Lernformaten.
Lernziele für asynchrone und synchrone Phasen trennen. Im Flipped Classroom bearbeiten Schülerinnen und Schüler die Wissensvermittlung (Bloom-Stufen 1-2) zu Hause, Anwendung und Analyse (Stufen 3-5) finden im Unterricht statt. Formulieren Sie für beide Phasen eigene, klar abgegrenzte Lernziele – und kommunizieren Sie das transparent.
Viele Lehrkräfte nutzen Lernziele nur zur Planung, nicht zur Reflexion. Dabei ist das Ende der Stunde der wichtigste Moment: "Schauen wir auf unser Lernziel – wer kann das schon, wer braucht noch Übung?" Dieser kurze Schritt verankert die Stunde und fördert metakognitive Fähigkeiten.
Häufige Fehler: Vom 'Durchnehmen' zum echten Kompetenzerwerb
Abschließend die vier häufigsten Fehler beim Lernziele formulieren – mit direkt besserem Alternativvorschlag:
Fehler 1: Lehrerzentrierte Formulierung
- Schwach: "Ich zeige den Schülerinnen und Schülern, wie man Quellen analysiert."
- Stark: "Die Schülerinnen und Schüler analysieren eine historische Quelle nach vorgegebenen Kriterien und benennen Perspektive, Intention und Glaubwürdigkeit."
Fehler 2: Nicht-operationalisierbare Verben
- Schwach: "Die Schülerinnen und Schüler verstehen die Bedeutung der Demokratie."
- Stark: "Die Schülerinnen und Schüler erläutern anhand von drei Beispielen, warum Gewaltenteilung ein Grundprinzip der Demokratie ist."
Fehler 3: Zu breite Ziele für eine Unterrichtsstunde
- Schwach: "Die Schülerinnen und Schüler lernen das Thema Klimawandel."
- Stark: "Die Schülerinnen und Schüler unterscheiden zwischen natürlichen und menschengemachten Ursachen des Klimawandels und ordnen je zwei Beispiele korrekt zu."
Fehler 4: Fehlende Verbindung zum Überprüfungsformat Wenn ein Lernziel formuliert ist, sollte sofort klar sein, wie man sein Erreichen nachweist. Ein Exit Ticket, eine kurze Präsentation, eine schriftliche Aufgabe – das Überprüfungsformat ist das Spiegelbild des Lernziels. Wenn beides nicht zusammenpasst, stimmt eines von beiden nicht.
Ressourcen wie das wb-web-Portal und die Teaching Tools der Universität Zürich stellen umfangreiche Beispielsammlungen und Formulierungshilfen bereit, die nach Fächern und Niveaustufen sortiert sind.
Was das für Ihren Unterricht bedeutet
Lernziele formulieren ist eine didaktische Kernkompetenz, keine administrative Pflichtübung. Die Qualität eines Lernziels entscheidet darüber, ob eine Unterrichtsstunde einen messbaren Beitrag zum Kompetenzerwerb leistet oder ob am Ende nur Stoff "behandelt" wurde.
Die wichtigsten Schritte im Überblick:
- Schülerperspektive einnehmen: Ziele beginnen mit "Die Schülerinnen und Schüler können/kennen/..." – niemals mit "Ich möchte...".
- Bloom-Stufe bewusst wählen: Welches kognitive Niveau fordert diese Stunde? Wählen Sie Operationsverben passend zur Stufe.
- SMART prüfen: Ist das Ziel spezifisch genug? Ist es messbar? Passt es in den Zeitrahmen?
- Überprüfungsformat mitdenken: Jedes Lernziel braucht ein passendes Aufgaben- oder Prüfungsformat.
- Transparenz herstellen: Teilen Sie das Lernziel mit den Lernenden – am Stundenbeginn und am Ende als Reflexionsfolie.
Wer Lernziele konsequent so formuliert, plant nicht nur bessere Stunden. Er gibt Schülerinnen und Schülern auch die Orientierung, die sie brauchen, um ihr eigenes Lernen aktiv zu steuern.



