Das WLAN bricht zusammen. Die iPads verbinden sich nicht mit dem Schulserver. Dreißig Minuten später hat die halbe Klasse YouTube geöffnet. Wer dieses Szenario kennt, fragt sich zu Recht, ob der Einsatz digitaler Medien im Unterricht mehr Aufwand als Nutzen bringt.

Die ehrliche Antwort: Es kommt auf die Vorbereitung an. Länder, die Digitalisierung systematisch aufgebaut haben, zeigen, dass Technologie im Klassenzimmer dann funktioniert, wenn Infrastruktur, Pädagogik und Rechtssicherheit gemeinsam gedacht werden. Deutschland hat diesen Weg mit dem DigitalPakt Schule und der KMK-Strategie "Bildung in der digitalen Welt" eingeschlagen. Der Weg ist aber noch lang.

Dieser Artikel zeigt, wie Sie digitale Medien im Unterricht sinnvoll und ohne Chaos einsetzen — von der technischen Grundausstattung bis hin zu DSGVO-konformen Apps und KI-Tools.

Infrastruktur und Ausstattung als Basis für den DigitalPakt Schule

Ohne stabile Grundlage bricht jede digitale Unterrichtseinheit zusammen. Das gilt buchstäblich, wenn ein schwaches WLAN fünf gleichzeitige Videostreams nicht verarbeiten kann.

Der DigitalPakt Schule, 2019 mit einem Volumen von 6,5 Milliarden Euro aufgelegt, sollte genau das ändern. Die Mittel sind für Infrastruktur bestimmt: Breitband, WLAN in Klassenräumen, Endgeräte, digitale Tafeln. Doch wie Analysen des Bayerischen Instituts für Digitale Transformation (bidt) zeigen, ist die digitale Ausstattung an deutschen Schulen weiterhin nicht flächendeckend vorhanden. Mittelabruf und Umsetzungsgeschwindigkeit variieren stark zwischen Bundesländern und sogar zwischen einzelnen Schulträgern.

Das Geld allein löst das Problem nicht. Schulen, die digitale Medien erfolgreich einsetzen, haben in der Regel eines gemeinsam: Sie haben vor der Beschaffung von Endgeräten die Netzwerkinfrastruktur ausgebaut.

Was IT- Verantwortliche zuerst angehen sollten

  • WLAN zuerst: Mindestens ein Access Point pro Klassenraum, ausgelegt für 30 gleichzeitige Verbindungen. Kabelgebundene Verbindungen für Lehrerstationen sichern zusätzlich die Stabilität.
  • Gerätefrage bewusst entscheiden: iPads bieten eine intuitive Bedienung und stabile App-Verfügbarkeit, sind aber teuer in Anschaffung und MDM-Management. Chromebooks sind kostengünstiger, browserbasiert und zentral verwaltbar. Die Entscheidung sollte nach Altersgruppe, Fächerstruktur und Wartungskapazität fallen, nicht nach der Präferenz einzelner Lehrkräfte.
  • Mobile Device Management (MDM) einrichten: Ohne zentrale Geräteverwaltung entstehen Wildwuchs und Sicherheitslücken. Lösungen wie Jamf (iOS) oder Google Admin Console (Chromebook) ermöglichen Kontrolle über installierte Apps und Zugriffsrechte.
  • Analogen Plan B einplanen: Jede Unterrichtsstunde mit digitalen Tools braucht ein Backup-Szenario. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern professionelles Qualitätsmerkmal.

Medienkompetenz im Rahmen der KMK-Strategie Bildung in der digitalen Welt

Technik allein erzeugt keine Medienkompetenz. Die Kultusministerkonferenz hat das erkannt und 2016 mit der Strategie "Bildung in der digitalen Welt" einen verbindlichen Rahmen für alle Bundesländer geschaffen.

6
Kompetenzbereiche der KMK-Strategie 'Bildung in der digitalen Welt'

Die sechs Kompetenzbereiche bilden zusammen einen Entwicklungsrahmen, der weit über "Tippen und Klicken" hinausgeht:

  1. Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren — Informationen gezielt finden, bewerten und strukturieren
  2. Kommunizieren und Kooperieren — digitale Kommunikationskanäle reflektiert nutzen
  3. Produzieren und Präsentieren — eigene digitale Inhalte erstellen und veröffentlichen
  4. Schützen und sicher Agieren — Datenschutz, Privatsphäre und Gerätesicherheit verstehen
  5. Problemlösen und Handeln — technische Probleme erkennen und algorithmisches Denken entwickeln
  6. Analysieren und Reflektieren — digitale Medien kritisch hinterfragen und gesellschaftliche Auswirkungen einschätzen

Integration in den Fachunterricht

Medienkompetenz ist kein Zusatzfach. Sie entsteht in der Anwendung innerhalb bestehender Unterrichtsfächer. Einige Beispiele:

  • Deutsch: Schülerinnen und Schüler recherchieren zu einem Thema, bewerten drei Quellen nach Glaubwürdigkeit und erstellen einen kurzen Podcast (Kompetenzbereiche 1, 3, 6).
  • Biologie: Verwendung interaktiver Simulationen zu Zellteilung oder Ökosystemen; anschließende Reflexion, welche Informationen das Modell vereinfacht (Bereiche 5, 6).
  • Geschichte: Analyse von Propagandaplakaten aus der NS-Zeit in digitalisierter Form; Vergleich mit heutigen Social-Media-Inhalten (Bereiche 1, 4, 6).

Der entscheidende Punkt: Das Lernziel kommt aus dem Fach. Das digitale Medium ist das Werkzeug, nicht der Unterrichtsinhalt.

Didaktik vor Technik: Kognitive Aktivierung durch digitale Tools

Es gibt eine Frage, die vor jeder Unterrichtseinheit mit digitalen Medien gestellt werden sollte: Was können Schülerinnen und Schüler damit tun, was ohne dieses Tool nicht möglich wäre?

Wenn die Antwort "dasselbe wie mit einem Arbeitsblatt" lautet, lassen Sie die Geräte weg. Nicht weil analoge Materialien schlechter sind, sondern weil unnötige Digitalisierung Aufwand ohne Mehrwert erzeugt.

Digitale Medien entfalten ihren didaktischen Wert dort, wo sie kognitive Aktivierung ermöglichen:

  • Adaptives Lernen: LMS-Plattformen wie Moodle oder IServ können Aufgaben auf Basis von Lernergebnissen anpassen. Schülerinnen und Schüler, die ein Konzept beherrschen, erhalten Vertiefungsaufgaben; andere erhalten gezielte Unterstützung. Das ist individuelle Förderung im Maßstab.
  • Kollaborative Wissenskonstruktion: Tools wie Padlet oder kollaborative Dokumente lassen Schülergruppen gleichzeitig an einem Produkt arbeiten — sichtbar und nachvollziehbar für alle Beteiligten.
  • Visualisierung komplexer Zusammenhänge: Simulationen, interaktive Diagramme und VR-Anwendungen machen abstrakte Konzepte erfahrbar: Quantenphysik, geografische Prozesse, historische Stadtentwicklung.
Die SAMR-Frage stellen

Das SAMR-Modell (Substitution, Augmentation, Modification, Redefinition) von Ruben Puentedura hilft zu bewerten, ob ein digitales Tool echten Mehrwert bringt oder nur analoge Aufgaben ersetzt. Ziel ist nicht immer die höchste Stufe — aber die Frage sollte gestellt werden.

John Hattie, Professor an der University of Melbourne und Autor der umfassenden "Visible Learning"-Metaanalyse, stellt klar: Die bloße Präsenz von Technologie im Klassenzimmer hat keinen messbaren Lerneffekt. Was wirkt, ist der gezielte Einsatz mit klarem didaktischem Ziel: Feedback in Echtzeit, kollaboratives Schreiben, adaptive Übungen.

"It's not the technology — it's the pedagogy."

John Hattie, University of Melbourne — Visible Learning

Gleichzeitig zeigen Befragungen, dass Schülerinnen und Schüler eine hohe Bereitschaft mitbringen und sich mehr digitale Lernmaterialien wünschen. Diese Motivation ist eine Ressource, keine Bedrohung.

Rechtssicherheit und DSGVO-Konformität im deutschen Klassenzimmer

Viele Lehrkräfte entscheiden sich aus Vorsicht gegen digitale Tools, weil sie DSGVO-Risiken fürchten. Diese Vorsicht ist berechtigt, aber sie muss nicht zur Blockade werden.

Die Datenschutz-Grundverordnung gilt seit Mai 2018 verbindlich für alle Schulen in Deutschland. Sie verpflichtet zur Verarbeitung personenbezogener Daten nur mit einer Rechtsgrundlage: im Schulkontext meist die Einwilligung der Erziehungsberechtigten oder eine schulrechtliche Grundlage im jeweiligen Landesrecht.

Checkliste zur DSGVO-Bewertung von Bildungs- Apps Bevor Sie eine App im Unterricht einsetzen, beantworten Sie diese fünf Fragen:

1. Serverstandort: Werden Daten auf Servern in der EU oder in einem Land mit angemessenem Datenschutzniveau verarbeitet? Anbieter aus den USA unterliegen dem Cloud Act — kritisch für personenbezogene Schülerdaten.

2. Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV): Hat Ihre Schule einen AVV mit dem Anbieter abgeschlossen? Ohne diesen Vertrag ist der Einsatz in der Regel nicht zulässig.

3. Zweckbindung: Werden die erhobenen Daten ausschließlich für den Bildungszweck genutzt? Dienste, die Schülerdaten für Werbezwecke nutzen, scheiden aus.

4. Rechtsgrundlage: Auf welcher Grundlage werden Daten verarbeitet? Klären Sie dies mit Schulleitung und Datenschutzbeauftragtem, bevor ein Tool eingeführt wird.

5. Datensparsamkeit: Erhebt die App nur die Daten, die für ihre Funktion notwendig sind? Tools, die Standort, Kamera oder Mikrofon ohne erkennbaren Grund anfordern, sind abzulehnen.

Google Workspace for Education und Microsoft 365

Beide Suiten haben dedizierte Education-Versionen mit angepassten Datenschutzbedingungen und EU-Serveroption. Der Einsatz der Standard-Consumer-Versionen (Gmail, persönliches OneDrive) ist im Unterricht grundsätzlich nicht DSGVO-konform. Nutzen Sie ausschließlich Education-Lizenzen über Ihren Schulträger.

Empfehlenswert ist der Rückgriff auf Bildungsserver der Länder (z. B. Niedersächsischer Bildungsserver, mebis in Bayern) und die HPI Schul-Cloud, die speziell für den deutschen Schulkontext entwickelt wurden und Datenschutzkonformität sicherstellen.

Künstliche Intelligenz als neuer Akteur im Fachunterricht

ChatGPT hat den Schulalltag in einem Tempo verändert, das keine bildungspolitische Planung vorhersehen konnte. Seit Ende 2022 fragen Lehrkräfte deutschlandweit: Darf ich das nutzen? Dürfen meine Schülerinnen und Schüler das nutzen? Und wenn ja, wie?

KI-Tools bieten genuinen Mehrwert in drei Bereichen.

KI in der Unterrichtsvorbereitung

Lehrkräfte nutzen Large Language Models effektiv, um Unterrichtsmaterialien zu generieren, Aufgabenreihen zu differenzieren oder Bewertungsraster zu erstellen. Statt eine Stunde lang Übungsaufgaben für drei Leistungsniveaus zu formulieren, lassen sich Entwürfe in Minuten generieren und anschließend fachlich überarbeiten. Das schafft Zeit für das, was KI nicht leisten kann: das didaktische Urteil.

KI als Lernwerkzeug für Schülerinnen und Schüler

Richtig eingesetzt, kann ChatGPT als persönlicher Tutor fungieren: Fragen beantworten, Texte erklären, Argumentationsstrukturen aufzeigen. Die pädagogische Herausforderung besteht darin, Schülerinnen und Schüler nicht passiv konsumieren zu lassen, sondern die KI-Ausgabe als Ausgangsmaterial für kritische Analyse zu nutzen.

Lerndesign mit KI

Aufgabenformate, bei denen Schülerinnen und Schüler eine KI-Antwort bewerten, verbessern oder widerlegen müssen, fördern höhere kognitive Prozesse. Die KI übernimmt den einfachen Erstentwurf; der eigentliche Lernprozess entsteht durch Analyse und Revision.

Aktuelle Leitlinien der Bundesländer

Mehrere Bundesländer haben inzwischen Handreichungen zum KI-Einsatz veröffentlicht. Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen befürworten den Einsatz grundsätzlich, weisen aber explizit auf kritische Medienkompetenz und DSGVO-Konformität hin. ChatGPT in seiner Standard-Version ist für den direkten Unterrichtseinsatz mit Schülerdaten in Deutschland nicht freigegeben. Hier sind schul- oder länderspezifische Lösungen notwendig.

Die regulatorischen Rahmenbedingungen für KI im Schulbereich befinden sich im Wandel. Was heute Empfehlung ist, kann in sechs Monaten verbindliche Regelung sein. Regelmäßige Informationen liefern die Kultusministerien und der Bereich Bildung in der digitalen Welt der KMK.

Was das für Ihren Unterricht bedeutet

Der Einsatz digitaler Medien im Unterricht ist kein Selbstzweck, aber er ist auch kein vermeidbares Risiko. Er ist eine pädagogische Gestaltungsaufgabe.

Die Lehrkräfte, die ihn am erfolgreichsten meistern, folgen einem einfachen Prinzip: Sie beginnen mit der Frage, welches Lernziel sie erreichen wollen, und wählen dann das Werkzeug, das dieses Ziel am besten unterstützt. Manchmal ist das ein digitales Tool. Manchmal ist es ein Gespräch im Klassenraum.

Konkret bedeutet das:

  1. Infrastruktur sichern, bevor Geräte beschafft werden
  2. Pädagogisches Ziel definieren, bevor ein Tool ausgewählt wird
  3. DSGVO-Checkliste abarbeiten, bevor eine App im Unterricht eingesetzt wird
  4. KMK-Kompetenzbereiche als Orientierung nutzen, nicht als bürokratische Last
  5. KI-Tools erproben, aber Schülerinnen und Schüler zum kritischen Umgang anleiten

Der Technik-Chaos, den viele Lehrkräfte fürchten, entsteht meistens nicht durch die Technologie selbst. Er entsteht durch fehlende Planung. Wer strukturiert vorgeht, erlebt digitale Medien im Unterricht nicht als Störfaktor, sondern als Ressource.