Stellen Sie sich vor: Eine Schülerin der zehnten Klasse reicht ihre Buchbesprechung zu "Der Vorleser" ein. Treffende Argumentation, fehlerfreie Formulierungen, klare Struktur. Beim Nachgespräch in der Sprechstunde kann sie den dritten Abschnitt nicht erklären. Das ist kein Einzelfall.

Eine Untersuchung des Bayerischen Forschungsinstituts für Digitale Transformation (bidt) kommt zu einem eindeutigen Befund: Schülerinnen und Schüler sind den Schulen beim Einsatz von KI-Systemen klar voraus. Sie recherchieren mit ChatGPT, lassen Aufsätze umformulieren und übersetzen Texte mit KI-Tools, meistens ohne dass ihre Lehrkräfte klare Leitlinien dazu gegeben haben.

Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob KI im Unterricht eine Rolle spielt. Sie tut es bereits. Die Frage ist, wer die Bedingungen dafür gestaltet: Lehrkräfte und Schulen, oder Schülerinnen und Schüler allein.

KI im Unterricht: Der neue Bildungsauftrag der KMK

Die Kultusministerkonferenz hat 2024 gehandelt. In ihrer Handlungsempfehlung für die Bildungsverwaltung zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in schulischen Bildungsprozessen formuliert die KMK einen klaren Anspruch: KI-Kompetenz soll Teil der schulischen Grundbildung werden. Nicht als eigenständiges Fach, sondern als fächerübergreifende Querschnittsaufgabe.

Das Dokument beschreibt KI-Kompetenz auf drei Ebenen: verstehen, wie KI funktioniert; KI-Werkzeuge in verschiedenen Kontexten nutzen; KI-Ausgaben kritisch reflektieren. Alle drei Ebenen betreffen Lehrkräfte genauso wie Lernende. Eine Lehrkraft, die selbst nicht weiß, wie ein Large Language Model Antworten generiert, kann Schülerinnen und Schüler kaum dabei begleiten, KI-generierte Texte zu hinterfragen.

Die KMK hat das Ziel formuliert, KI solle Bildung personalisieren und Unterricht für alle effizienter gestalten. Dahinter steckt die Annahme, dass adaptive Lernumgebungen Schülerinnen und Schüler individuell fördern können — dort, wo dreißig unterschiedliche Lernbiographien in einem Raum sitzen, stoßen auch engagierte Lehrkräfte an Grenzen.

Trotzdem fehlt es bislang an verbindlichen, bundeseinheitlichen Regelungen. Das Vorgehen hängt zu stark von einzelnen Lehrkräften und lokalen Schulkulturen ab, statt auf einem systematischen Rahmen zu beruhen.

Was die KMK-Empfehlung konkret fordert

Die KMK-Handlungsempfehlung von Oktober 2024 ruft Bundesländer auf, verbindliche Rahmenbedingungen für den KI-Einsatz an Schulen zu schaffen, Lehrerfortbildungen auszubauen und KI-Kompetenz in Lehrpläne zu integrieren. Ob und in welchem Tempo das in den einzelnen Bundesländern umgesetzt wird, ist noch offen.

9 Praxisbeispiele für den Einsatz von KI in verschiedenen Fachbereichen

KI im Unterricht ist kein einheitliches Konzept. Was in Deutsch funktioniert, passt nicht zwingend in Physik. Hier sind neun konkrete Einsatzszenarien, die unterschiedliche Fachbereiche abdecken.

1. Deutsch: Gegenargumente als Denkwerkzeug Schülerinnen und Schüler nutzen ChatGPT, um erste Gegenargumente zu einem Aufsatzthema zu generieren, analysieren diese auf Plausibilität und bauen eine eigene Argumentation dagegen auf. Die KI liefert den Widerstand, das Denken bleibt beim Menschen.

2. Fremdsprachen: Schreibwerkstatt mit Sofortfeedback Ein Text wird in der Fremdsprache verfasst, dann von einem KI-Tool stilistisch überarbeitet. Der Vergleich zwischen Original und KI-Version ist das eigentliche Lernmaterial: Was wurde geändert, und warum?

3. Mathematik: Erklärungen auf verschiedenen Niveaus Wenn ein Schüler ein algebraisches Konzept nicht versteht, fordert er eine KI auf, es auf drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen zu erklären. Die Lehrkraft gibt die Aufgabe vor, die KI differenziert, der Schüler wählt seinen Einstieg.

4. Geschichte: Quellenkritik an KI-Texten üben Eine KI generiert einen "historischen Bericht" über ein Ereignis. Die Klasse untersucht ihn auf Auslassungen, Fehler und Perspektivverzerrungen. Quellenkritik als Medienkompetenz, geübt am KI-Produkt selbst.

5. Biologie und Chemie: Hypothesen entwickeln und prüfen Vor einem Experiment formulieren Schülerinnen und Schüler zunächst eigene Hypothesen, lassen dann eine KI Alternativen generieren und vergleichen beide kritisch. Die Konfrontation mit einer anderen "Perspektive" schärft wissenschaftliches Denken.

6. Kunst: Bildgeneratoren als Kompositionswerkzeug Mit Tools wie Adobe Firefly, das datenschutzrechtlich verträglicher als viele andere Optionen ist, generieren Schülerinnen und Schüler Bildkompositionen, analysieren Farbgebung und Raumaufteilung und nutzen das Ergebnis als Referenz für eigene Werke. Die KI dient als Skizzenblock, nicht als Endprodukt.

7. Musik: Harmonische Muster verstehen KI-gestützte Kompositionswerkzeuge helfen Schülerinnen und Schülern, Tonarten und Akkordfolgen auszuprobieren und das Ergebnis sofort zu hören. Musiktheorie wird erfahrbar, nicht nur auswendig gelernt.

8. Informatik: Algorithmen und Ethik verknüpfen In der Oberstufe analysieren Schülerinnen und Schüler, wie Empfehlungsalgorithmen funktionieren, und diskutieren gesellschaftliche Implikationen. Das verbindet technisches Verständnis mit kritischer Reflexion.

9. Fächerübergreifend: Rechercheprozesse strukturieren Statt direkte Antworten abzurufen, nutzen Schülerinnen und Schüler KI-Tools, um Recherchestrategien zu entwickeln: "Welche Quellen sollte ich für dieses Thema prüfen?" Die KI als Methodenberater, nicht als Antwortmaschine.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Datenschutz an deutschen Schulen

Hier wird es für viele Lehrkräfte unbequem: Die meisten populären KI-Tools, darunter ChatGPT, Google Gemini und Microsoft Copilot, sind in ihrer Standardkonfiguration nicht DSGVO-konform für den schulischen Einsatz mit Minderjährigen. Nutzerdatenwerden auf Servern außerhalb der EU gespeichert, und die Einwilligung von Erziehungsberechtigten ist bei Minderjährigen oft unzureichend geregelt.

Das Schulministerium NRW empfiehlt, dass Schulen KI-Tools nur einsetzen, wenn die Datenschutzkonformität geprüft und bestätigt ist. In der Praxis handeln viele Lehrkräfte auf eigene Verantwortung, ohne dass ihre Schulleitung eine belastbare Grundlage geschaffen hat.

Rechtssicherheit geht vor dem Einsatz

Ohne schriftliche Datenschutzfolgenabschätzung und eine Vereinbarung zur Auftragsverarbeitung sollten keine KI-Tools mit Schülerdaten eingesetzt werden. Klären Sie die Rechtslage mit Ihrer Schulleitung und der zuständigen Datenschutzbeauftragten, bevor Sie ein neues Tool in den Unterricht einführen.

Bayern erlaubt unter bestimmten Bedingungen die Nutzung bestimmter Microsoft-Dienste über Bildungslizenzen mit europäischer Datenspeicherung. NRW setzt auf die Plattform LOGINEO mit geprüften KI-Erweiterungen. Ein bundesweit einheitliches Vorgehen existiert bislang nicht, obwohl der Bundestag den Handlungsbedarf in diesem Bereich explizit festgestellt hat. Das Fehlen klarer, übergreifender Standards belastet vor allem Lehrkräfte, die verantwortungsvoll handeln wollen, aber keine gesicherte Orientierung haben.

KI in der Inklusion: Unterstützung für Förderschwerpunkte

Für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf bietet KI Möglichkeiten, die im regulären Unterricht schwer umsetzbar sind. Ein Schüler mit Legasthenie, der Texte mit einer KI-gestützten Vorlesefunktion und anschließender Zusammenfassung verarbeitet, kann dieselben Lerninhalte erreichen — auf einem für ihn zugänglichen Weg.

Konkret einsetzbar sind:

  • Text-zu-Sprache mit angepasster Betonung für Schülerinnen und Schüler mit Sehbeeinträchtigungen oder ausgeprägten Leseschwächen
  • Vereinfachte Sprachniveaus auf Abruf: KI kann Texte in Leichte Sprache oder einfache Sprache umformulieren, ohne dass die Lehrkraft jedes Material doppelt aufbereiten muss
  • Aufgabenstrukturierung für Schülerinnen und Schüler mit ADHS oder im Autismus-Spektrum, die komplexe Arbeitsanweisungen in überschaubare Schritte unterteilen

Das Potenzial ist real, aber es gibt einen wichtigen Vorbehalt: KI-Tools ersetzen keine sonderpädagogische Fachkompetenz. Sie ergänzen sie. Eine Lehrkraft ohne Grundkenntnisse in der jeweiligen Förderdiagnostik wird durch KI keine hilfreichen Differenzierungen entwickeln können. Das Werkzeug ist so gut wie die Person, die es einsetzt.

Von der Hausaufgabe zur Lernbegleitung: Die neue Prüfungskultur

Das ist der Kern der gegenwärtigen Debatte. Wenn eine Schülerin eine KI-generierte Hausaufgabe abgibt, hat sie eine Aufgabe erledigt, aber nichts gelernt. Das Problem liegt weniger in der Nutzung der KI als in einem Prüfungsformat, das fertige Produkte bewertet, statt Lernprozesse sichtbar zu machen.

Das Bildungsportal NRW und die BIDT-Untersuchung kommen unabhängig voneinander zu demselben Befund: Prüfungsformate müssen sich weiterentwickeln — nicht um KI zu verbieten, sondern um Eigenleistung wieder erkennbar und bewertbar zu machen.

"Schülerinnen und Schüler sind den Schulen beim Einsatz von KI-Systemen voraus. Schulische Strukturen müssen darauf reagieren — nicht warten."

BIDT, Studie zur KI-Nutzung in der Bildung

Konkrete Ansätze für eine neue Prüfungskultur:

Reflexionsprotokoll statt Reinschrift. Schülerinnen und Schüler dokumentieren ihren Arbeitsprozess, einschließlich der KI-Prompts, die sie verwendet haben, und erklären, was sie übernommen, verändert oder verworfen haben. Das bewertet kritisches Denken, nicht nur das Endprodukt.

Mündliche Komponenten stärken. Ein kurzes Gespräch über eine schriftliche Leistung zeigt schnell, ob der Inhalt verstanden wurde. Schülerinnen und Schüler, die KI-Texte unreflektiert einreichen, können die Inhalte selten erklären.

Prozessportfolios einführen. Statt der Abschlusspräsentation wird der gesamte Weg bewertet: Entwürfe, Überarbeitungen, Peer-Feedback, Reflexionen. KI kann Teil dieses Prozesses sein, muss dann aber transparent ausgewiesen werden.

Aufgaben kontextgebunden gestalten. Formulieren Sie Aufgaben so, dass persönliche Erfahrungen, Klassenraumgespräche oder lokales Wissen einfließen müssen. Eine KI kann keinen Aufsatz über "was wir in unserem Schulprojekt erlebt haben" schreiben, der authentisch wirkt.

Praktischer Einstieg für die nächste Unterrichtseinheit

Ergänzen Sie eine bestehende Hausaufgabenaufgabe um eine einfache Reflexionsfrage: "Welche Quellen oder Tools hast du genutzt, und wie hast du die Informationen geprüft?" Das macht KI-Nutzung sichtbar und besprechbar, ohne sie zu verbieten.

Elternkommunikation: Strategien für den KI-Einsatz zu Hause

Eltern stehen vor einerschwierigen Situation: Sie wissen, dass ihre Kinder KI-Tools nutzen, sind aber unsicher, ob das in Ordnung ist und wo die Grenzen liegen. Viele fragen sich, ob sie ihrem Kind helfen, wenn sie es mit ChatGPT beim Lernen unterstützen.

Eltern werden oft dann skeptisch, wenn sie das Gefühl haben, Schule reagiere nicht auf die Realität ihrer Kinder. Lehrkräfte können dieser Unsicherheit aktiv begegnen.

Klare Erwartungen kommunizieren. Teilen Sie schriftlich mit, für welche Aufgaben KI-Tools erlaubt, empfohlen oder nicht gestattet sind. Eine einfache Übersicht — "Recherchehilfe: erlaubt. Direkte Textübernahme: nicht erlaubt" — ist verständlicher als abstrakte Verbote.

KI als Lernpartner erklären. Eltern verstehen besser, warum KI-Nutzung sinnvoll sein kann, wenn sie konkrete Szenarien kennen: "Ihr Kind kann ChatGPT bitten, eine Vokabel in drei verschiedenen Beispielsätzen zu zeigen" ist greifbarer als "KI als Lernwerkzeug nutzen".

Vor unkritischem Vertrauen warnen. KI-Systeme machen Fehler, erfinden Quellen und geben gelegentlich plausibel klingende, aber sachlich falsche Informationen aus. Eltern sollten wissen, dass Prüfen und Hinterfragen eine Kernkompetenz ist, die Kinder im Umgang mit KI gezielt üben müssen.

Digitale Medienkompetenz als gemeinsames Ziel benennen. Wenn Eltern verstehen, dass der KI-Einsatz in der Schule Kompetenzentwicklung und keine Bequemlichkeit zum Ziel hat, steigt die Akzeptanz. Das Deutsche Schulportal beschreibt, unter welchen Bedingungen KI beim Lernen tatsächlich hilft und wann sie das Lernen behindert — diese Erkenntnisse eignen sich gut als Gesprächsgrundlage für Elternabende.

Was das für Ihren Unterricht bedeutet

KI im Unterricht ist keine Frage, die sich noch aufschieben lässt. Schülerinnen und Schüler nutzen KI bereits, mit oder ohne schulische Begleitung. Lehrkräfte, die jetzt proaktiv Rahmenbedingungen setzen, gewinnen Gestaltungsmacht über einen Prozess, der sonst ohne sie stattfindet.

Das bedeutet nicht, jedes Tool sofort einzuführen oder alle Prüfungsformate gleichzeitig umzustellen. Es bedeutet, drei konkrete Schritte zu gehen:

Klären Sie zunächst die datenschutzrechtliche Lage in Ihrem Bundesland. Ohne diese Grundlage bleibt jeder weitere Schritt rechtlich unsicher.

Entwickeln Sie dann für Ihr Fach mindestens eine Aufgabenstellung, die KI sinnvoll einbindet und gleichzeitig Eigenleistung sichtbar macht. Die neun Beispiele in diesem Artikel bieten einen Ausgangspunkt.

Sprechen Sie schließlich offen mit Ihren Schülerinnen und Schülern darüber, wie sie KI bereits nutzen. Diese Gespräche liefern ehrlichere Daten über die tatsächliche Unterrealität als jede Umfrage.

Die KMK hat mit ihren Handlungsempfehlungen einen Rahmen gesetzt. Wie KI im Unterricht konkret gelebt wird, entscheidet sich in jedem einzelnen Klassenraum — bei Ihnen.