Stellen Sie sich vor: Ihre Klasse sitzt in Gruppen. Ein Schüler übernimmt alles, zwei lehnen sich zurück, einer wartet auf das Stundenende. Diese Szene ist der häufigste Einwand gegen kooperatives Lernen: "Das funktioniert bei uns nicht." Was dabei übersehen wird: Strukturlose Gruppenarbeit und methodisch fundiertes kooperatives Lernen sind grundverschieden, und dieser Unterschied entscheidet über Wirkung oder Leerlauf.
Kooperatives Lernen zeigt in der Forschung positive Effekte auf Lernleistung und soziale Entwicklung, die weit über die klassischer Gruppenarbeit hinausgehen. Dennoch wird die Methode laut einer Auswertung von Mebis Bayern in deutschen Schulen selten in ihrer vollen methodischen Tiefe eingesetzt.
Dieser Artikel zeigt, was kooperatives Lernen wirklich ausmacht, welche Methoden sich bewährt haben und wie Lehrkräfte den Einstieg konkret gestalten.
Was ist kooperatives Lernen?
Kooperatives Lernen ist eine Unterrichtsform, bei der Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen so an Aufgaben arbeiten, dass alle Beteiligten aktiv beitragen müssen. Nicht das Zusammensitzen macht es aus, sondern die Struktur: Aufgaben, Rollen und Verantwortlichkeiten sind so gestaltet, dass kein Einzelner sie allein lösen kann.
Die KMK-Bildungsstandards für Primar- und Sekundarstufe verankern kooperative Lernformen als fächerübergreifendes Unterrichtsprinzip. Kooperatives Arbeiten gilt dabei als explizite Methode zur Erreichung von Kompetenzzielen. Der Anspruch ist klar: Schülerinnen und Schüler sollen fachliche Inhalte erwerben und gleichzeitig Kooperationsfähigkeit als überfachliche Kompetenz aufbauen.
Bei herkömmlicher Gruppenarbeit kann eine Einzelperson die gesamte Arbeit übernehmen, ohne dass die Gruppe strukturell gezwungen ist, zusammenzuwirken. Beim kooperativen Lernen verhindert das Design genau das. Die Aufgabe zwingt zur Kooperation, sie macht sie nicht nur möglich.
Bei Gruppenarbeit könnten Schülerinnen und Schüler zusammenarbeiten. Beim kooperativen Lernen müssen sie es, weil die Aufgabe so gebaut ist, dass niemand sie allein lösen kann.
Die fünf Basiselemente nach Johnson & Johnson
David Johnson und Roger Johnson an der University of Minnesota haben auf Basis von Hunderten ausgewerteter Studien ein Rahmenmodell entwickelt, das kooperatives Lernen in fünf Basiselemente gliedert. Fehlt auch nur eines davon, entsteht Gruppenarbeit ohne Mehrwert. Dieses Modell ist heute der internationale Referenzpunkt für Forschung und Unterrichtsentwicklung.
1. Positive Interdependenz
Das wichtigste Element: Alle Gruppenmitglieder brauchen einander, um die Aufgabe zu bewältigen. Das kann durch Materialverteilung erreicht werden (jede Person erhält andere Informationen), durch Rollenzuweisung oder durch ein gemeinsames Ziel, das nur durch das Zusammenwirken aller erreichbar ist. Ohne positive Interdependenz ist Trittbrettfahren immer möglich.
2. Individuelle Verantwortlichkeit
Jedes Mitglied der Gruppe ist für einen definierten Beitrag verantwortlich, und dieser Beitrag muss am Ende sichtbar sein. Konkret: Jede Schülerin, jeder Schüler muss das Erarbeitete selbst erklären können, sei es durch eine kurze Einzelpräsentation, ein persönliches Protokoll oder eine mündliche Überprüfung. Das Element verhindert, dass Stille als Mitarbeit gilt.
3. Direkte Interaktion
Schülerinnen und Schüler erklären sich Inhalte gegenseitig, stellen Fragen und geben Rückmeldungen. Das gegenseitige Erklären ist ein zentraler Lernmechanismus: Wer einem anderen erklärt, festigt das eigene Wissen nachweislich. Diese Phase findet face-to-face statt oder, in hybriden Settings, über digitale Kanäle mit synchroner Kommunikation.
4. Soziale Kompetenzen
Kooperatives Lernen setzt voraus, dass Lernende grundlegende soziale Fähigkeiten mitbringen oder gezielt erwerben: zuhören, Kritik sachlich formulieren, auf Beiträge anderer eingehen, Konflikte konstruktiv lösen. Diese Kompetenzen werden nicht vorausgesetzt, sondern im Unterricht aktiv unterrichtet und geübt.
5. Reflexion des Gruppenarbeitsprozesses
Gruppen reflektieren am Ende einer Einheit, wie gut sie zusammengearbeitet haben: Was lief gut? Was würden wir beim nächsten Mal anders machen? Diese Metaebene fehlt in klassischer Gruppenarbeit fast vollständig. Für den langfristigen Aufbau von Kooperationskompetenz ist sie jedoch unverzichtbar.
Methodenkoffer: Von Think-Pair-Share bis zum Gruppenpuzzle
Think-Pair- Share
Die einfachste Einstiegsmethode, keine Materialvorbereitung nötig: Die Lehrkraft stellt eine offene Frage. Jede Schülerin, jeder Schüler denkt zunächst allein nach (Think), tauscht sich dann mit der Nachbarperson aus (Pair), und ausgewählte Paare teilen ihre Ergebnisse mit der Klasse (Share). Think-Pair-Share eignet sich für alle Fächer und Altersstufen. Es dauert keine zehn Minuten und aktiviert alle Lernenden gleichzeitig, statt nur die schnellsten Meldungen abzufragen.
Gruppenpuzzle (Jigsaw- Methode)
Die Klasse wird in Stammgruppen aufgeteilt, jeweils vier bis sechs Personen. Jedes Mitglied bearbeitet als Experte ein Teilthema in einer Expertengruppe. Danach kehren alle in ihre Stammgruppe zurück und unterrichten die anderen in ihrem Teilgebiet. Das Ergebnis: Jedes Mitglied trägt unersetzliches Wissen bei, positive Interdependenz ist automatisch gegeben. Die Methode eignet sich besonders für inhaltlich ausdifferenzierte Themen in der Sekundarstufe.
Placemat (Platzdeckchen- Methode)
Ein Blatt Papier wird in Felder aufgeteilt: ein zentrales Feld in der Mitte und je ein Feld pro Gruppenmitglied am Rand. Zunächst notiert jede Person ihre Ideen im eigenen Feld, ohne abzuschreiben. Dann einigt sich die Gruppe auf gemeinsame Ergebnisse, die in der Mitte festgehalten werden. Die Methode eignet sich für Brainstorming, Vorwissensaktivierung und Diskussionsvorbereitung.
Digitale Tools für hybride Lernarrangements
Kooperatives Lernen funktioniert auch digital und hybrid, wenn die Struktur stimmt.
Padlet ermöglicht gemeinsame digitale Pinnwände, auf denen Schülerinnen und Schüler Beiträge posten, kommentieren und strukturieren. Besonders geeignet für asynchrone Phasen oder hybride Klassen.
TaskCards ist die datenschutzkonforme Alternative mit Sitz in Deutschland. Schülerinnen und Schüler erstellen gemeinsam digitale Kartensammlungen, die in Echtzeit bearbeitet werden.
Flip ermöglicht es Lernenden, kurze Erklärvideos für die Gruppe aufzunehmen. Damit funktioniert die "direkte Interaktion" auch asynchron und zeitversetzt. Besonders wirksam für die individuelle Verantwortlichkeit: Jede Person muss sichtbar einen Beitrag leisten, der von der Gruppe kommentiert werden kann.
Beginnen Sie mit Think-Pair-Share. Keine Gruppenbildung, kein Umräumen, kein Vorbereitungsaufwand. Stellen Sie eine offene Frage, geben Sie 90 Sekunden Denkzeit, lassen Sie Paare kurz diskutieren. Wer das drei Mal pro Woche konsequent einsetzt, verändert die Unterrichtskultur der Klasse.
Inklusion und Differenzierung in der Praxis
Kooperatives Lernen gilt in der Forschung als besonders geeignet für heterogene und inklusive Lerngruppen. Eine bewährte Erkenntnis aus der Unterrichtspraxis ist, dass kooperative Lernformen die Vielfalt der Schülerinnen und Schüler als Ressource nutzen können, wenn die Aufgaben entsprechend gestaltet sind. Leistungsheterogene Gruppen profitieren besonders vom gegenseitigen Erklären: Stärkere Schülerinnen und Schüler festigen ihr Wissen, Schwächere erhalten Erklärungen auf Augenhöhe.
Das Projekt Ko-Pra, dessen Ergebnisse bei peDOCS dokumentiert sind, zeigt aber auch: Die Herausforderungen beim Einsatz in heterogenen Klassen sind real. Lehrkräfte berichten von erhöhtem Planungsaufwand und Unsicherheit darüber, wie Scaffolding-Maßnahmen für einzelne Schülerinnen und Schüler konkret aussehen sollen.
Scaffolding für neurodivergente Schülerinnen und Schüler
Für Lernende mit ADHS oder einer Autismus-Spektrum-Störung brauchen kooperative Phasen klare, vorhersehbare Strukturen. Vier Maßnahmen haben sich in der Praxis bewährt:
Schriftliche Rollenkarten: Jedes Gruppenmitglied erhält eine Karte mit einer definierten Rolle (Moderatorin, Zeitwächter, Protokollführer, Präsentatorin). Die Karten reduzieren soziale Ambiguität und machen transparent, was von wem erwartet wird.
Schrittweise Ablaufpläne: Statt offener Gruppenarbeit erhalten die Lernenden einen strukturierten Arbeitsplan. "Schritt 1: Jede Person liest den Text allein (5 Minuten). Schritt 2: Jede Person notiert zwei Fragen. Schritt 3: Tauscht eure Fragen aus."
Verlängerter Think-Anteil: Für Schülerinnen und Schüler, die intensive Gruppeninteraktion als belastend erleben, kann die Einzelarbeitsphase verlängert werden, bevor die Gruppenphase beginnt. Das ist keine Sonderbehandlung, sondern gutes Differenzierungsdesign.
Digitale Beitragsformate: Tools wie TaskCards oder Flip bieten neurodivergenten Lernenden oft mehr Sicherheit als mündliche Gruppenarbeit, weil Beiträge sichtbar, dauerhaft und in eigenem Tempo formulierbar sind.
Kooperatives Lernen sei nur für leistungsstarke oder ältere Schülerinnen und Schüler geeignet. Diese Überzeugung ist in deutschen Schulen weit verbreitet, wird aber von der Forschung nicht gestützt. Entscheidend ist das Aufgabendesign, nicht das Leistungsniveau der Gruppe.
Leistungsbewertung bei kooperativen Lernformen
Die Frage der Benotung ist für viele Lehrkräfte das größte praktische Hindernis. Wie bewertet man fair, wenn Leistung gemeinschaftlich erbracht wird? Das Spannungsfeld zwischen Einzelleistung und Gruppenprodukt lässt sich nicht vollständig auflösen, aber es lässt sich produktiv gestalten.
Was die Notenverordnungen erlauben
Notenverordnungen in den Bundesländern legen fest, dass Noten die individuelle Leistung widerspiegeln müssen. Das Gruppenprodukt allein darf nicht die einzige Grundlage für eine Note sein. Gleichzeitig können Beiträge zum Gruppenarbeitsprozess, mündliche Präsentationen oder individuelle Reflexionstexte in die Bewertung der mündlichen Mitarbeit einfließen. Die rechtliche Basis für eine kombinierte Bewertung ist also gegeben, sie muss nur bewusst genutzt werden.
Praktische Bewertungsmodelle
Ein bewährtes Modell kombiniert zwei Ebenen: Das Gruppenprodukt (Präsentation, Poster, Erklärungsvideo) fließt als gemeinsame Grundlage ein, wird aber durch eine individuelle Komponente ergänzt. Das kann ein kurzes schriftliches Reflexionsprotokoll sein, eine mündliche Erklärung des eigenen Beitrags oder ein kurzer Einzeltest zum erarbeiteten Thema.
Entscheidend ist die Transparenz vor Beginn der Aufgabe: Schülerinnen und Schüler müssen wissen, wie bewertet wird, welcher Anteil auf das Gruppenprodukt entfällt und welcher auf den individuellen Beitrag. Diese Klarheit ist nicht nur fair, sie stärkt gleichzeitig die individuelle Verantwortlichkeit, das zweite Basiselement nach Johnson & Johnson.
Was das für Ihre Unterrichtspraxis bedeutet
Die Forschungslage zu kooperativem Lernen ist eindeutig: John Hattie hat in seiner Visible-Learning-Analyse an der University of Melbourne eine Effektstärke von 0,59 für kooperative Lernformen ermittelt, ein Wert, der deutlich über dem Durchschnitt unterrichtlicher Maßnahmen liegt. Die Universität Erfurt hat untersucht, warum Lehrkräfte diese Methode trotzdem so selten einsetzen. Die Befunde verweisen auf zwei Haupthindernisse: Überzeugungen ("zu aufwändig", "funktioniert nicht mit meiner Lerngruppe") und fehlende Fortbildung in der methodischen Umsetzung.
Beides lässt sich verändern. Pädagogische Hochschulen bieten zunehmend Zertifikatsstudiengänge zu kooperativen Lernmethoden und Konfliktbewältigung an. Das IQES-Netzwerk stellt praxisnahe Materialien und erprobte Beispiele für den direkten Unterrichtseinsatz bereit. Wie systematisch kooperatives Lernen in der Lehramtsausbildung der einzelnen Bundesländer verankert ist, variiert allerdings stark, hier besteht struktureller Nachholbedarf.
Drei konkrete Einstiegspunkte für die nächste Woche:
- Think-Pair-Share statt Frontalunterricht für eine offene Frage einsetzen: kein Aufwand, sofortige Wirkung.
- Rollenkarten einführen: Definieren Sie für die nächste Gruppenarbeit schriftliche Rollen und verteilen Sie diese vor Beginn der Aufgabe.
- Gruppenreflexion einplanen: Reservieren Sie die letzten fünf Minuten einer Gruppenarbeitsphase. Frage an die Gruppen: "Was hat gut geklappt? Was würdet ihr beim nächsten Mal anders machen?"
Kooperatives Lernen erfordert zu Beginn mehr Planungsarbeit als Frontalunterricht. Aber die Methode zahlt sich aus: Wer gelernt hat, strukturiert zusammenzuarbeiten, bringt diese Kompetenz in jedes Fach und jede Klassenstufe mit. Das ist kein pädagogisches Ideal. Das ist, was die Forschung seit Jahrzehnten zeigt.



